Uwe Johnsons Roman Jahrestage ist ein monumentales Werk, das in vier Bänden zwischen 1970 und 1983 veröffentlicht wurde. Es erstreckt sich über 1700 Seiten und thematisiert die Lebensgeschichte von Gesine Cresspahl, einer Frau, die im New York der späten 1960er Jahre lebt. Der Roman ist als Chronik angelegt und umfasst die 366 Tage vom 20. August 1967 bis zum 20. August 1968, einem Jahr voller gesellschaftlicher und politischer Umbrüche, sowohl in den USA als auch in Europa.
Die Handlung ist stark mit historischen Ereignissen verwoben. Johnson beleuchtet die Zeit des Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit und den Kalten Krieg, während Gesine versucht, ihr Leben und das ihrer Tochter Marie in der neuen Welt zu navigieren. Ihre Erinnerungen an die Vergangenheit sind geprägt von Verlusten: Sie hat ihre Eltern und ihren Geliebten durch politische Umstände verloren. Diese Trauer begleitet sie und wird zum zentralen Motiv ihres Lebens.
Ein bemerkenswerter Aspekt des Romans ist die Verbindung zwischen persönlichem Erleben und historischen Kontexten. Johnson nutzt die Figur der Gesine, um eine tiefere Reflexion über Identität und Heimatlosigkeit zu ermöglichen. Ihre tägliche Lektüre der New York Times wird zum Kompass für ihre Gedanken und Gefühle, während sie sich mit Themen wie Rassismus, Vietnamkrieg und sozialer Ungerechtigkeit auseinandersetzt. Diese Nachrichten sind nicht nur Hintergrundinformationen; sie formen ihre Wahrnehmung der Welt und ihrer eigenen Geschichte.
Die Sprache von Jahrestage ist reichhaltig und vielschichtig. Johnson verwendet eine Vielzahl von Sprachen und Stilen, um die Komplexität der Erfahrungen seiner Protagonistin widerzuspiegeln. Die Sätze sind oft parataktisch aufgebaut, was eine klare Struktur schafft, während gleichzeitig emotionale Tiefe vermittelt wird. Dies spiegelt sich auch in den Dialogen zwischen Gesine und Marie wider, die oft philosophische Fragen über das Leben aufwerfen.
Ein zentrales Thema des Romans ist die Erinnerungsarbeit. Gesine versucht nicht nur, ihre eigene Geschichte zu bewahren, sondern auch die ihrer Vorfahren. Diese Erinnerungen sind entscheidend für das Verständnis ihrer Identität und ihrer Entscheidungen in einer Welt voller Herausforderungen. Johnson zeigt auf, wie wichtig es ist, aus der Vergangenheit zu lernen, um in der Gegenwart zurechtzukommen.
Insgesamt ist Jahrestage mehr als nur ein historischer Roman; es ist eine tiefgründige Untersuchung der menschlichen Existenz im Angesicht politischer Turbulenzen. Johnsons Werk bleibt relevant, da es universelle Fragen zur Identität, Erinnerung und dem Streben nach einem sinnvollen Leben aufwirft – Fragen, die auch in der heutigen Zeit von Bedeutung sind.
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