E. L. Doctorows Roman Ragtime, veröffentlicht 1975, ist ein bedeutendes Werk der amerikanischen Literatur, das die sozialen und politischen Umwälzungen des frühen 20. Jahrhunderts thematisiert. Die Geschichte spielt in New York zwischen 1902 und 1912 und verknüpft die Schicksale dreier Familien: einer wohlhabenden weißen Familie, einer jüdischen Einwandererfamilie und einer afroamerikanischen Familie. Durch diese unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet Doctorow Themen wie Rassismus, soziale Ungerechtigkeit und die Suche nach Identität.
Die Hauptfiguren sind „Mother“ und „Father“, die als Archetypen der damaligen amerikanischen Gesellschaft fungieren. Mother übernimmt die Kontrolle über das Familienunternehmen, während Father auf Expedition im Arktischen verweilt. Diese Abwesenheit führt zu einer Transformation von Mothers Rolle und ihrer Selbstwahrnehmung. Sie entdeckt ihre Unabhängigkeit und Sexualität, was zu einem Bruch mit den traditionellen Geschlechterrollen führt.
Ein zentraler Charakter ist Coalhouse Walker, ein talentierter schwarzer Pianist, dessen Leben durch Rassendiskriminierung geprägt ist. Seine tragische Geschichte wird zum Symbol für den Kampf um Gerechtigkeit in einer von Vorurteilen geprägten Gesellschaft. Nach einem Vorfall, bei dem sein Auto von weißen Jugendlichen beschädigt wird, fordert Coalhouse Gerechtigkeit und wird letztlich zum Anführer eines gewaltsamen Aufstands. Seine Erlebnisse verdeutlichen die tiefen gesellschaftlichen Risse und die Unfähigkeit der Gesellschaft, rassistische Ungerechtigkeiten zu überwinden.
Doctorow integriert historische Figuren wie Harry Houdini und Henry Ford in die Erzählung, um die Verflechtung von Fiktion und Realität zu verdeutlichen. Diese Technik ermöglicht es dem Leser, die Dynamik der amerikanischen Geschichte besser zu verstehen und die kulturellen Veränderungen dieser Zeit nachzuvollziehen. Die Verwendung von historischen Ereignissen als Kulisse für die fiktiven Geschichten der Charaktere schafft eine dichte narrative Struktur, die sowohl unterhaltsam als auch lehrreich ist.
Ragtime wird oft als ein Meisterwerk des historischen Romans angesehen, da es nicht nur individuelle Schicksale erzählt, sondern auch einen umfassenden Blick auf die gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit wirft. Doctorows geschickte Verknüpfung von persönlichen Geschichten mit historischen Kontexten macht das Buch zu einem unverzichtbaren Beitrag zur amerikanischen Literatur und zur Diskussion über soziale Gerechtigkeit.
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