Kingsley Amis‘ Roman Zum grünen Mann (Originaltitel: The Green Man) ist ein faszinierendes Werk, das die Grenzen zwischen Realität und Übernatürlichem verschwimmen lässt. Die Geschichte spielt in dem fiktiven Gasthaus „The Green Man“ im englischen Dorf Fareham, wo der Protagonist Maurice Allington, ein hochgebildeter, aber emotional distanzierter Wirt, mit seinen inneren Dämonen und den Geistern seiner Vergangenheit konfrontiert wird.
Die Handlung entfaltet sich vor dem Hintergrund von Allingtons Midlife-Crisis. Er ist ein Mann in seinen besten Jahren, der sich in einer unglücklichen Ehe befindet und oft zu Alkohol greift, um seinen Frust zu betäuben. Seine Gedanken sind häufig von erotischen Fantasien geprägt, die seine Interaktionen mit den weiblichen Gästen des Gasthauses beeinflussen. Diese sexuelle Spannung zieht sich durch den gesamten Roman und verleiht der Geschichte eine fast pornografische Färbung, was sie von anderen Geistergeschichten abhebt.
Amis gelingt es, eine düstere Atmosphäre zu schaffen, die durch humorvolle Elemente aufgelockert wird. Die Begegnungen mit dem Geist eines Alchimisten aus dem 17. Jahrhundert sind sowohl komisch als auch gruselig. Dieser Geist bietet Allington verlockende Angebote an, die ihn in moralische Dilemmata stürzen und ihn zwingen, über sein Leben und seine Entscheidungen nachzudenken.
Ein zentrales Thema des Romans ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und den Konsequenzen des eigenen Handelns. Allingtons Charakterentwicklung spiegelt Amis‘ scharfen Blick für menschliche Schwächen wider. Der Autor nutzt seinen typischen Plauderton, um alltägliche Sorgen und tiefere philosophische Fragen miteinander zu verweben. Die Satire auf die englische Gesellschaft und insbesondere auf die Geistlichkeit wird durch Allingtons Beobachtungen und Erfahrungen verstärkt.
Die Verbindung zu klassischen Geistergeschichten, insbesondere zu Autoren wie M. R. James, ist unverkennbar. Während James oft eine strenge Trennung zwischen dem Übernatürlichen und dem Alltäglichen zieht, integriert Amis diese Elemente nahtlos in die Lebensrealität seines Protagonisten. Dies führt zu einer einzigartigen Mischung aus Humor und Horror.
Insgesamt ist Zum grünen Mann ein vielschichtiger Roman, der nicht nur als Geistergeschichte funktioniert, sondern auch als tiefgründige Reflexion über das Leben, die Liebe und die Suche nach Sinn in einer komplexen Welt. Amis‘ Fähigkeit, ernste Themen mit einem leichten Ton zu verbinden, macht dieses Werk zu einem bemerkenswerten Beitrag zur modernen Literatur.
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