Der lange Traum

Der lange Traum, ursprünglich unter dem Titel Surfacing veröffentlicht, ist ein bedeutender Roman von Margaret Atwood aus dem Jahr 1972. Die Geschichte wird aus der Perspektive einer namenlosen weiblichen Ich-Erzählerin erzählt, die auf der Suche nach ihrem vermissten Vater ist. Diese Suche führt sie auf eine abgelegene Insel in Quebec, wo sie sich mit ihrer Vergangenheit und den komplexen Beziehungen zu ihrer Familie auseinandersetzen muss.

Die Protagonistin ist die Tochter eines anglo-kanadischen Paares und hat einen älteren Bruder, der als Geologe in Australien arbeitet. Ihre Kindheit war geprägt von häufigen Umzügen, bis die Familie schließlich auf der einsamen Insel sesshaft wird. Der Vater, ein Botaniker, zieht sich zunehmend von der Gesellschaft zurück, während die Mutter bereits verstorben ist. Diese familiären Hintergründe spielen eine entscheidende Rolle in der psychologischen Entwicklung der Erzählerin.

Während ihres Aufenthalts auf der Insel wird die Suche nach ihrem Vater immer drängender, doch die anfänglichen Suchaktionen bleiben erfolglos. Inmitten dieser Unsicherheit reflektiert die Erzählerin über ihr eigenes Leben, ihre gescheiterte Ehe und das Kind, das bei ihrem Ex-Mann lebt. Diese Rückblicke sind von einer tiefen Melancholie geprägt und zeigen ihre innere Zerrissenheit zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und ihrem eigenen Wunsch nach Freiheit.

Die Dynamik zwischen den Charakteren auf der Insel wird zunehmend angespannt. Die Erzählerin ist mit Joe zusammen, einem Lebensgefährten, der sich mehr um seine eigenen Bedürfnisse kümmert als um ihre emotionalen Kämpfe. Die Beziehung zu Joe wird durch Eifersucht und Missverständnisse belastet, was zu einem Konflikt führt, als Anna, eine Freundin des Paares, in die Situation involviert wird.

Ein zentrales Thema des Romans ist die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Atwood thematisiert den Einfluss des Menschen auf die Umwelt und reflektiert gleichzeitig über das postkoloniale Kanada sowie über Geschlechterrollen. Die Protagonistin kämpft mit ihrer Identität und dem Drang, sich von den gesellschaftlichen Normen zu befreien. Dies kulminiert in einem symbolischen Akt: Sie beginnt, wie ein Tier zu leben und strebt danach, in der Wildnis ihr Kind zu gebären.

Der lange Traum gilt als ein Schlüsselwerk Atwoods, das nicht nur durch seine eindringliche Erzählweise besticht, sondern auch durch seine tiefgründige Auseinandersetzung mit Themen wie Identität, Verlust und der Suche nach einem Platz in einer komplexen Welt. Der Roman bleibt relevant und regt zur Reflexion über die eigene Existenz und die Beziehung zur Natur an.


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